Sonntag, 21. Dezember 2014

Das Haus am Himmelsrand von Bettina Storks

©Verlag Bloomsbury Berlin

Produktinformation


  • Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
  • Verlag: Bloomsbury Berlin (15. September 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3827012392
  • ISBN-13: 978-3827012395

 
Die Schuld der Kinder und Kindeskinder ist ein vieldiskutiertes Thema. Unsere Generation, ich meine hier die der (Ur-)Enkel, zu denen ich mich auch zähle, hat mit dem Gräuel, das damals unter den Nationalsozialisten geschah, direkt nichts zu tun. Dass diese furchtbare Zeit aber auch in unserem Leben noch eine Rolle spielen kann, beschreibt dieses Buch erschreckend gut. Mich hat, wie schon so oft, jedoch noch mehr das Schicksal der direkten Nachfahren der Täter und der Opfer berührt.

Zum Inhalt: 
Der Patriarch einer Uhren-Fabrikanten-Familie in zweiter Generation stirbt und verlangt seiner Enkeltochter Lizzy auf dem Sterbebett das Versprechen ab, geschehenes Unrecht wieder gut zu machen. Er hinterlässt ihr als Hinweis einige Papiere, unter anderem eine Versteigerungsliste vom Inventar einer Villa. Weiterhin findet sie im Sommerhaus der Familie noch rätselhafte Überweisungsbelege und eine Spieluhr. Lizzy ahnt vom ersten Augenblick, dass hier etwas Schlimmes passiert sein muss, die Dokumente sind aus der Zeit der Reichspogromnacht und der Zeit, in der die Judenvernichtung konkrete Züge annahm. Je mehr sie herausfindet, umso schwerer lastet der Druck auf ihrer Schulter: Familie oder Wahrheit?

Dieses unglaublich spannende Buch hat mich kaum aufhören lassen, zu lesen. Der Schreibstil der Autorin ist leise, aber dabei unglaublich wortgewaltig. Ich habe geschmunzelt, und ich habe geweint.

Alle Beteiligten werden mit sehr viel Liebe und Blick auf das Detail beschrieben, Davids und Marthas smaragdgrüne Augen sah ich förmlich vor mir. Jeden einzelnen Protagonisten mochte ich, auf Lizzy war ich sehr stolz. Sie, bisher verwöhnte Fabrikantentochter ohne Verhältnis zum Geld, entwickelt eine Stärke und einen Mut, vor dem ich den Hut ziehe. Sich gegen die eigene, hoch angesehene und traditionelle Familie zu wenden, um das Unrecht, hinter das sie zwar langsam aber unaufhaltbar kommt, aufzuklären und zu versuchen, es gut zu machen, war eine sehr schwere Entscheidung. Ich hätte mir eine Freundin oder einen Freund an ihrer Seite gewünscht, mit dem sie sich mal austauschen kann. Außer von Tom, ihrem Lebensgefährten in einer kriselnden Beziehung, ist keine Rede von Freunden oder Bekannten.

Den Patriarchen lernen wir als guten Familienvater kennen, der in der Zeit des Nationalsozialismus Fehler gemacht hat. In Rahmen seiner Möglichkeiten hat er versucht, Gutes zu tun, aber es war definitiv zu wenig. Dafür verurteile ich ihn jedoch nicht, denn ich glaube nicht, dass ich zu der damaligen Zeit so mutig wie Sophie Scholl oder Dietrich Bonhoeffer gewesen wäre.

Sehr angenehm beim Lesen fand ich, dass die unterschiedlichen Zeiten, in denen ich mich beim Lesen befand, sehr gut durch den Wechsel zwischen normaler und kursiver Schrift gekennzeichnet waren. Sehr schön und liebevoll wird Freiburg beschrieben, auch das Gut der Familie in Frankreich konnte ich mir fast plastisch vorstellen. Die Spannung löst sich erst fast am Ende des Buches, lange lässt uns die Autorin im Ungewissen.

Mein Fazit, dem Buch geschuldet etwas ausführlicher als sonst: 
Dieser Debütroman von Bettina Storks ist ein Buch, das für mich und in meinem Bücherregal neben  Büchern wie Sarahs Schlüssel, Die Bücherdiebin und Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter einen dauerhaften Platz finden wird. Das Buch ist eine grandiose, aufwühlende und nachdenklich machende Geschichte über nicht aufgearbeitete (Familien-)Geschichte, Schuld der Kinder und Enkel über den Tod der Verursacher hinaus, fehlende Reue der Täter und die Werte, aber auch die Last, eines Familienunternehmens. Und über eine unglaublich mutige Frau, Lizzy.

Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, meine Enkel werden niemanden mehr zu der furchtbaren Zeit des Nationalsozialismus befragen können, der sie er- und überlebt hat. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses.

Von mir mehr als eine Leseempfehlung, für mich ein „sollte-man-unbedingt-gelesen-haben-Buch“, dass ich meiner Freundin, die u.a. auch Deutschlehrerin ist, sehr ans Herz legen werde.

Normalerweise vergebe ich ja Hintern, angelehnt an ein Buch einer befreundeten Autorin. Aus Respekt vor diesem Buch und dem Inhalt vergebe ich dieses Mal 

♥♥♥♥♥ +♥
Während der ganzen Zeit, in der ich diese Rezension schrieb, hatte ich das Lied im Kopf:

Von guten Mächten wunderbar geborgen 


Es ist ein Gebet, geschrieben in einer ausweglosen Situation. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer schickt es seiner Verlobten zur Jahreswende 1944/45 aus der Haft. Der Wehrkraftzersetzung beschuldigt, hat ihn die Gestapo festgenommen - wenig später wird er gehängt werden. (Quelle: http://www.trauernetz.de/musik/kirche/7941.html)

Kommentare:

  1. Wow - meine Güte. Das klingt wirklich grandios. Auch wenn ich Angst habe, dass die Last, die dieses Buch mit sich bringt, mich zu erdrücken droht. Da werde ich wohl nicht drumherum kommen. Dank dir für deine bezaubernden Zeilen über ein Stück Zeitgeschehen.

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  2. es ist nicht leicht, aber das liegt am Thema, geschrieben ist es wunderschön! Du wirst es mögen, ich weiß das :)

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